Australische Gespenstschrecken (Extatosoma tiaratum)
Auf den ersten Blick bemerkst du vielleicht gar nicht, dass sich hier zwischen den Blättern Tiere verstecken. Sie hängen regungslos an einem Ast und sehen aus wie vertrocknete Blätter. Doch wenn du genauer hinschaust, bewegen sie sich: Was eben noch wie ein Teil der Pflanze aussah, ist lebendig. Das sind Extatosoma tiaratum, besser bekannt als Australische Gespenstschrecken.
Diese Gespenstschrecken stammen ursprünglich aus Australien. Ihr Körper ist mit blattähnlichen Formen und dornigen Fortsätzen bedeckt. Beim Gehen schaukeln sie von einer Seite zur anderen, wie ein Blatt, das im Wind weht. Sie verstecken sich nicht einfach – sie sind wahre Meister der Tarnung.
Doch bei diesen Insekten geht es nicht nur um’s Verstecken. Sie zeigen viele überraschende Verhaltensweisen: Fühlt sich ein Weibchen bedroht, rollt es seinen Schwanz auf wie ein Skorpion – auch wenn es gar nicht stechen kann. Manche heben drohend ihre stacheligen Beine. Andere lassen sich fallen und bleiben einfach liegen – wie ein zerknülltes Blatt.
Übrigens: Bei den Gespenstschrecken sehen Männchen und Weibchen ziemlich unterschiedlich aus. Man nennt das sexuellen Dimorphismus. Die Weibchen sind größer und schwerer, haben einen dicken Körper mit vielen Dornen und können nicht fliegen. Die Männchen sind viel schlanker und haben Flügel, mit denen sie ein bisschen fliegen können. Die Insekten, die du hier zwischen den Blättern siehst, sind alle Weibchen.
Und hier noch etwas wirklich Erstaunliches: Bei den Australischen Gespenstschrecken können sich die Weibchen auch ganz alleine und ohne Männchen fortpflanzen. Sie legen Eier, aus denen dann wieder Weibchen schlüpfen – ganz ohne Befruchtung. Das nennt man Parthenogenese.
Nach mehreren Monaten schlüpfen aus den Eiern Jungtiere, so genannte Nymphen. Sie sind nur etwa so groß wie dein Daumennagel. Die Nymphen sehen noch ganz anders aus als die erwachsenen (adulten) Tiere; sie erinnern eher an Ameisen. Warum? Viele Fressfeinde machen um Ameisen lieber einen Bogen. Durch diese clevere Tarnung können die jungen Insekten sicher durch eine gefährliche Welt wandern, bis sie groß und blattähnlich geworden sind.
Diese Überlebensstrategien haben sich über Millionen Jahre bewährt. Sowohl die Fähigkeit, sich ohne Männchen fortzupflanzen, als auch die perfekte Tarnung helfen den Gespenstschrecken, in ihrer Umgebung zu überleben und sich erfolgreich zu vermehren.
In freier Natur gibt es bei uns in Europa zwar keine Australischen Gespenstschrecken, aber dafür viele andere Tiere, die ähnliche Strategien nutzen: Nachtfalter, die sich als Baumrinde tarnen, Raupen, die aussehen wie Zweige, und auch Insekten, die sich ohne Männchen fortpflanzen können: zum Beispiel bestimmte Arten von Blattläusen und Ameisen.
Was meinst du: Welche faszinierenden Tricks könnten in der Natur noch verborgen sein – direkt vor unseren Augen?

